Information
Künstlerisches Statement – Fotografie, visuelle Systeme und das Potenzial des Alltäglichen
Meine künstlerische Arbeit entsteht aus einer Haltung der Aufmerksamkeit für das scheinbar Nebensächliche. Schon in meinen frühen fotografischen Arbeiten – konzeptuellen Selbstporträts, dokumentarischen Serien und Untersuchungen alltäglicher Handlungen – arbeitete ich analytisch, strukturiert und mit einer klaren Distanz zum Motiv. Mich interessierten nicht die offensichtlichen Szenen, sondern die beiläufigen visuellen Spuren des Alltags.
Der Übergang zur konstruktiv‑konkreten Kunst ist daher keine Zäsur, sondern eine konsequente Weiterführung dieser Haltung. Während klassische konkrete Positionen – etwa Max Bill, Verena Loewensberg, Richard Paul Lohse oder Leo Breuer – von autonomen, selbstgesetzten Ordnungen ausgehen, entwickle ich Systeme, die aus fotografischem Ausgangsmaterial hervorgehen: Die Realität liefert die Daten, ich die Struktur.
Aus meinem fotografischen Fundus extrahiere ich einzelne, oft übersehene Elemente und überführe sie in modulare Systeme. So entstehen Werkreihen wie Fotografie und visuelle Information – IM PRINZIP SERIELL & VARIABEL, IM PRINZIP FARBE & FORM oder IM PRINZIP WERBUNG. Elemente aus urbanen Räumen, Wohnräumen, Alltagsmaterialien oder Werbeplakaten werden farblich und strukturell reorganisiert und in konstruktive Kompositionen überführt. Alle Arbeiten werden unverglast präsentiert, um Materialität, Farbwirkung und Klarheit unmittelbar erfahrbar zu machen.
Viele dieser modularen Arbeiten sind variabel angelegt: Sie können kombiniert, erweitert, reduziert, gedreht oder räumlich angepasst werden. Jede Konstellation erzeugt eine neue Lesart. Diese Offenheit verstehe ich als demokratische Qualität – ein Werk bleibt veränderbar und reagiert auf die Entscheidungen der Betrachtenden und die Bedingungen des Raumes.
Inhaltlich untersuche ich, wie das Alltägliche – das Übersehene, das Nebensächliche – durch konstruktive Verfahren sichtbar und bedeutungstragend werden kann. Gleichzeitig interessiert mich, wie wir Werke als „konkret“ oder „abstrakt“ wahrnehmen. Beginnt ein Bild als reine Flächenkomposition, erscheint es konkret; beginnt es aus der Erinnerung an figurative Fragmente, wirkt es abstrakt. Titel und Ausgangsfotografie verbinden meine Arbeiten bewusst wieder mit der Realität, aus der sie hervorgehen, auch wenn die fertigen Module eine autonome konstruktive Klarheit besitzen.
Meine Werkreihen verstehen sich als zeitgenössische Weiterführung konstruktiver Prinzipien. Sie reduzieren, strukturieren und abstrahieren – und bleiben zugleich eng mit der Realität verbunden. Indem ich fotografische Fragmente in variable Systeme überführe, wird sichtbar, dass selbst unscheinbare Elemente ein konstruktives Potenzial besitzen, das erst durch Transformation erfahrbar wird.
Meine Praxis steht damit in einer Linie, die sich von der Zürcher Konkretion über systemische Ansätze der 1960er‑Jahre bis zu aktuellen Positionen der visuellen Forschung erstreckt. Ich verbinde analytische Präzision mit Offenheit für Variation, Transformation und räumliche Anpassung. Meine Arbeiten sind konkret in der Methode, abstrakt im Ursprung und semantisch rückgebunden durch Titel und Ausgangsfotografie.
Diana Hommel